Bedrohte Leben

Dawood Adil

Frauen in Afghanistan befinden sich in ständiger Lebensgefahr

Zahra Israfil

Mit der Machtübernahme der Taliban im August 2021 erfuhr Afghanistan eine gesellschaftlich-politische Umwälzung, die zu einem Wirtschaftskollaps führte. Unter dem Deckmantel der „relativen Sicherheit“ werden die Menschenrechte durch die Taliban mit Füßen getreten, wobei sich in den letzten Monaten besonders die Situation der Frauen massiv verschlechtert hat. Dies wird durch die Verbote zahlreicher Studienrichtungen für Frauen, die Schließung von

Mädchenschulen in den meisten Provinzen, die Entlassung vieler Frauen von ihren Arbeitsplätzen in Behörden und Firmen in Kabul und anderen Provinzen, die Besetzung der Medien mit Fanatikern sowie einer systematischen Zensur in Frauenangelegenheiten deutlich.

Besonders alleinstehende Frauen befinden sich im islamischen Afghanistan in einer sehr prekären Lebenslage. Hinzu kommt die brutale Niederschlagung von Protesten, in denen Frauen für ihre verloren gegangenen Rechte kämpfen, durch die Taliban.

Viele Frauen in Afghanistan haben lautstark für ihre Rechte demonstriert. Die Namen der Fotografen zu nenne, würde Lebensgefahr für sie bedeuten.

Weder darf die gegenwärtige Situation der Frauen als normal angesehen, noch darf die aktive Frauenbewegung zunichte gemacht werden. Nachdem die Taliban auch mit Auspeitschungen und Verhaftungen der Aktivistinnen keinen nennenswerten Erfolg erzielten, setzten sie die Frauen durch sexuelle Misshandlungen und Vergewaltigungen weiter unter Druck. Dies muss unbedingt durch internationale Unterstützung gestoppt werden. Damit sind Frauen nicht nur auf der Straße durch die Todesschwadronen, sondern auch in ihren eigenen Häusern höchst gefährdet, und ihre Sicherheit ist nirgends mehr gegeben.

In der traditionell-archaischen afghanischen Gesellschaft ist die Sexualität ein Tabuthema. Vergewaltigung wird als Schande angesehen, die verschwiegen wird. Als Konsequenz muss dieser „Schandfleck“ vernichtet, also die Frau umgebracht werden.

Im November 2021 entführten die Taliban 40 Aktivistinnen in Mazar-e Sharif aus ihren Häusern und ließen sie erst nach einem Monat wieder frei. Während dieser Zeit waren die Angehörigen dieser entführten Frauen zum Schweigen gezwungen und durften keine Informationen darüber an die freie ausländische Presse weiterleiten. Nach ihrer Freilassung hat die Journalistin Nilufar Langar einen Bericht im „Independent“ Magazin auf Farsi veröffentlicht.* Leider führte dieser Bericht mit authentischen Interviews und Aussagen von gefolterten Aktivistinnen und damit der Offenlegung der Taliban-Verbrechen zu keinem internationalen Protest. Im Gegenteil: Statt die Machenschaften  der Taliban zu verurteilen und Konsequenzen zu fordern, wurden drei der gefolterten und später freigelassenen Aktivistinnen in Mazar-e Sharif, ihrer Heimat, umgebracht. Eine Tat, die aus Rücksichtnahme auf die gesellschaftlichen Zwänge der Angehörigen weder durch die Opfer-Familien zur Sprache kam, noch in der zensierten Presse in Afghanistan thematisiert wurde. Da keine juristischen Instanzen existieren, die solche Vergehen ahnden könnten, geraten diese Verbrechen in Justiz und Gesellschaft in Vergessenheit.

In Kabul hat die Festnahme von vier Aktivistinnen durch die Bekanntgabe in der Presse und die Aufmerksamkeit der Menschenrechts-und Frauenorganisationen einen anderen Verlauf genommen. Um Aussagen zu erpressen, wurden die Frauen hier zwar nicht sexuell missbraucht, aber misshandelt und geschlagen. Einer Frau, die ihren Namen nicht preisgab, wurden zwei Rippen gebrochen. Eine andere Frau erlitt durch die schwere Folter Verletzungen an der Gebärmutter. Nachdem das bekannt wurde, versammelten sich 29 Frauen mit ihren Kindern zu einer Protestkundgebung, die wiederum durch die Taliban attackiert wurde. Auch diese Frauen wurden verhaftet und zu Aussagen vor der Kamera gezwungen, um ihre Reue zu kundzutun. Diese erpressten Reue-Bekundungen haben der Weltöffentlichkeit umso mehr das brutale Vorgehen der Taliban gegenüber Frauen gezeigt. Die Freilassung der Frauen wurde mit schweren Auflagen belegt, u. a. mit einem Ausreiseverbot, der Einschränkung von Kontakten, die von den Taliban kontrolliert werden, sowie einem Interview-Verbot, insbesondere auch mit ausländischen Medien.

Viele Frauen in Afghanistan haben lautstark für ihre Rechte demonstriert. Die Namen der Fotografen zu nenne, würde Lebensgefahr für sie bedeuten.

Die Bilanz von Menschenrechtsaktivitäten über die Situation der Frauen in Afghanistan in den letzten sechs Monaten zeigt, dass sie an verschiedenen Fronten kämpfen: einerseits gegen das herrschende System der Taliban im politischen, wirtschaftlichen und sozialen Bereich, andererseits aber auch gegen die herrschende, traditionelle Männergesellschaft Afghanistans. Bei den Festnahmen der Aktivistinnen in den vergangenen Monaten hat sich gezeigt, dass gerade die Verbreitung dieser Nachrichten und die Unterstützung von Menschenrechts-und Frauenrechtsorganisationen in Afghanistan eine gute Wirkung gezeigt haben.

Die Frauen in Afghanistan haben auch jetzt wieder eine schwere Zeit vor sich, um sich im Dschungel der Diplomatie und politischer Machenschaften ihren Weg zu bahnen. Sie sind in ihrem Kampf für ihre Rechte stark auf die Unterstützung von Frauen angewiesen und brauchen dringend auch positive Vorbilder.

 

Ein Gastbeitrag von Zahra Israfil

* https://www.independentpersian.com/
سیاسی-و-اجتماعی/شکنجه،- /207216/node
قتل-و-تجاوز؛-سرنوشت-دختران-معترض-بلخی-در-
های-طالبان8C%80%E2%زندان

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