„Wir hätten euch alle getötet …“

Foto: Ahmad Wali Sarhadi

Fluchtgeschichte eines Journalisten aus Afghanistan

Es war ein warmer Sommertag, als Ahmad Wali Sarhadi wie an anderen Tagen in Kandahar im Süden Afghanistans arbeitete und für verschiedene Medien über die Sicherheitslage in der Provinz berichten wollte. Er wusste jedoch nicht, dass die Taliban in den nächsten Stunden die Kontrolle über die gesamte Provinz Kandahar übernehmen würden.

Ahmad Wali Sarhadi, 30 Jahre alt, ist ein Journalist, der hauptsächlich für die renommierte afghanische Zeitung ‚Hasht-e Subh‘, ein liberales und unabhängiges Medienunternehmen, und für das deutsche Nachrichtenmagazin ‚Der Spiegel‘ sowie für andere ausländische Medien wie die ‚Financial Times‘ aus den südafghanischen Provinzen Zabul und Kandahar berichtete. Er arbeitete gemeinsam mit einer deutschen Journalistin vom ‚Spiegel‘ zum Thema Geheimverstecke der Taliban in der Grenzregion, wo Selbstmordattentäter von den Taliban auf ihre Aufgaben vorbereitet wurden.

Ahmad Wali Sarhadi floh nach Kabul, nachdem die Provinz Kandahar am 12.August 2021 an die Taliban gefallen war. Der Mann, der sich jahrelang für die Meinungsfreiheit in Afghanistan eingesetzt hatte, musste jetzt seine Familie in Zabul

zurücklassen und vor einer Terrorgruppe fliehen, für die die Meinungsfreiheit keine Bedeutung hat. Sarhadi dachte, Kabul als Hauptstadt sei sicher. Aber wie alle Menschen in Afghanistan wurde auch er überrascht, als das ganze Land innerhalb einer Woche an die Taliban fiel. So wird auch Kabul seit dem 15. August wieder von den Taliban kontrolliert.

Da Sarhadi durch seine langjährige Arbeit als Journalist in der Region sehr gut vernetzt war, konnte er mehrere Ausbildungszentren für Taliban-Selbstmordattentäter im Süden des Landes aufdecken und sie in den in- und ausländischen Medien entlarven. Mit der Ankunft der Taliban in Kabul blieb ihm nichts anderes übrig, als aus Afghanistan zu fliehen. Denn seine Identifizierung durch die Taliban würde sein sicheres Todesurteil bedeuten.

Er kontaktierte sofort das ‚Komitee zum Schutz von Journalisten‘ in den USA (Committee To Protect Journalists, CPJ) und über seine deutsche Kollegin die deutsche Sektion der Nichtregierungsorganisation ‚Journalists in Exile‘, also  Reporter ohne Grenzen‘. „Ich war viele Tage am Flughafen von Kabul und versuchte wie Hunderte von anderen Menschen einen Weg zu finden, mich in den Flughafen einzuschleusen. Tage und Nächte vergingen, ohne Essen und Trinken.“ Sarhadi versuchte, durch einen Abwasserkanal in den Flughafen zu gelangen. Da sich dabei sein Unterkörper tagelang ständig im Kanalwasser befand, bekam er heftige Nierenprobleme.

Foto: Ahmad Wali Sarhad

Während Sarhadi versuchte, den Flughafen in Kabul zu erreichen, gab es auf der anderen Seite der Welt die beiden Menschenrechts und Journalistenschutzorganisationen, die ihm helfen wollten. Das CPJ in den USA setzte sich dafür ein, ihn aus Afghanistan zu evakuieren, und ‚Reporter ohne Grenzen‘ kämpfte dafür, dass er in Deutschland aufgenommen wird.

„Acht Tage lang war ich am Flughafen. Erfolglos, weil ich nicht in den Flughafen gelangen konnte. Ich war sehr enttäuscht und verzweifelt. Ich dachte, es sind die letzten Tage meines Lebens“, berichtet er.

Am 23. August 2021 erhielt Sarhadi den Anruf eines Katarers, der ihm

sagte, dass sein Name auf der Evakuierungsliste stehe und er ins Serena Hotel in Kabul kommen solle. „Dieser Anruf in einer solch enttäuschenden Situation war für mich wie ein Wunder. Ich bin schnell vom Flughafen zum Serena Hotel gegangen.“

Um das Serena Hotel zu erreichen, mussten er und viele andere Menschen mehrere Checkpoints der Taliban passieren. Dort wurden sie von Taliban-Milizen beleidigt. „Ihr seid alle amerikanische Spione, und wir hätten euch alle getötet, wenn es nicht den amerikanischen Druck geben würde.“ Solche Sätze musste er von den Taliban hören, bis er das Serena Hotel betreten konnte.

Mit einem von den USA organisierten Flug wurde er nach Katar evakuiert und musste ein paar Wochen in Doha bleiben, bis er mit Hilfe von CPJ und ‚Reporter ohne Grenzen‘ über die deutsche Botschaft in Doha ein Visum bekommen hat. Dann flog er von dort nach Berlin, wo er von ‚Reporter ohne Grenzen‘ vorübergehend eine Unterkunft erhielt.

Hier wurde er auch ärztlich versorgt. Die beschwerliche Flucht sowie das Verlassen der Familie haben bei ihm auch ein schweres psychisches Trauma verursacht. „Wenn ich in der schönen Stadt Berlin spazieren gehe und die Sehenswürdigkeiten der Stadt anschauen möchte, ist dennoch meine ganze Aufmerksamkeit auf Afghanistan und meine Familie gerichtet. Ich sehe nichts, außer den Bildern der Taliban, wie sie Afghanistan erobert haben, und höre nichts außer den Drohungen, die sie mir gegenüber ausgesprochen haben, und ich kann an nichts anderes denken, außer an meine Familie in Afghanistan.“ Die Taliban kamen nach seiner Flucht mehrmals zu seiner Familie und haben nach ihm gefragt. Mit von Trauer und Sorge erfüllter Stimme sagt er: „Meine Bitte an die Bundesregierung und ‚Reporter ohne Grenzen‘ ist, mir zu helfen, meine Familie aus Afghanistan herauszuholen, damit wir alle als eine Familie wieder zusammenkommen und gemeinsam die Schönheiten Berlins erleben können.“

Der Artikel wurde in deutscher
Sprache verfasst und bereits von
Yaar e. V. im „Afghanistan Spezial“,
2021, Seite 2 bis 5, veröffentlicht.

Geschrieben von
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