Nach langen Jahren des Wartens

Endlich wieder als Familie zusammenleben

 

Heidi Kröger

Watheq hatte Heimweh.Das war besonders der Sehnsucht nach seine Familie geschuldet. Er litt sehr darunter, seine Kinder nicht aufwachsen zu sehen. Im Irak hatte er eine gute Arbeit in der Nähe von Bagdad, ein Haus mit Garten, ein Auto, und er konnte seine beiden Frauen und acht Kinder gut versorgen. Eines Tages geriet er jedoch zwischen die Fronten von Milizen, die ihn bedrohten, verfolgten und schließlich im Auto angeschossen haben. Mit Schussverletzungen an Fuß und Schulter kam er im April 2014 in ein Krankenhaus und wurde soweit behandelt, dass ihn seine Familie ein halbes Jahr später an die türkische Grenze bringen konnte.
In der Türkei nahmen ihn entfernte Verwandte auf und pflegten ihn monatelang soweit gesund, dass er sich über das Meer nach Europa aufmachen konnte.

Im August 2015 kam er nach Berlin in eine Gemeinschaftsunterkunft in Zehlendorf. Dort nahm er Sprachangebote, Ausflüge, Museums- und Konzertbesuche dankbar an und knüpfte Kontakte zu ehrenamtlichen Berliner*innen. Die fachgerechte medizinische Versorgung seiner Verletzungen kam trotz Operationen zu spät, um eine dauerhafte Schwerbehinderung zu verhindern.

Nach der Anerkennung als Flüchtling im Januar 2018 stand die Frage nach der Familienzusammenführung im Raum.

Vor der Antragstellung wollten wir wissen, ob es aktuell sinnvoll ist, die achtköpfige Familie nach Berlin zu holen, oder ob eine Chance besteht, dass Watheq in den Irak zurückgehen könnte. Die Antwort fanden wir in einem Workshop der Berliner Landeszentrale für Politische Bildung, in dem Dr. Nazar Mahmood vom Arabischen Kulturinstitut (AKI e. V.) er-
klärte, dass die Kinder im Irak in der aktuellen Situation keine Chance auf eine reguläre Schul- und Berufsausbildung haben und die Familie täglich der Gefahr kriegerischer Auseinandersetzungen ausgesetzt ist. Ganz zu schweigen von der Frage, wie der Lebensunterhalt dauerhaft gesichert werden könnte. In einer Beratung zur Familienzusammenführung

beim AKI e. V. bekamen wir im November 2018 Informationen über die einzelnen Schritte: Für die Beantragung der Visa sind alle Familienunterlagen (wie Ausweise, Geburtsurkunden, Heiratsurkunde, Familienbuch) beizubringen, ins Deutsche zu übersetzen und beglaubigen zu lassen.

Darüber hinaus sind die Papiere des Vaters aus Berlin mit einem Antrag auf Familienzusammenführung dem Deutschen Konsulat des Landes vorzulegen. Die Familie hatte beschlossen, dass die erste Ehefrau bei dem ältesten Sohn, der wegen Volljährigkeit von einer Familienzusammenführung ausgeschlossen war, und seiner Großmutter im Irak bleiben sollte.

Da die Deutsche Botschaft in Bagdad keine Visa ausstellt, mussten alle ausreisewilligen Familienmitglieder im 360 km entfernten Deutschen Konsulat in Erbil (Kurdistan) ihren Antrag stellen. Dafür musste die Familie jedoch schon sechs Monate vorher in Erbil polizeilich gemeldet sein und dort mit allen Unterlagen einen Beratungstermin bei der Internationalen Organisation für Migration (IOM) wahrnehmen. Die Beschaffung von Papieren mit entsprechender Übersetzung und Beglaubigung kosten im Irak viel Zeit und viel Geld. Darüber hinaus mussten auch die Kosten für die mehrfache Reise, den Aufenthalt und die Unterkunft aller acht Personen aufgebracht werden.

Besonders für die schwerbehinderte 18-jährige Tochter, die weder selbständig sitzen noch stehen kann, waren die Reisen nach Erbil eine große Strapaze.

Privat

Doch Ende November 2018 sollte schließlich der Antrag zur Familienzusammenführung beim Konsulat in Erbil gestellt werden. Aber beim ersehnten Termin wurde die Familie abgewiesen, weil die sechsmonatige polizeiliche Anmeldefrist nicht erfüllt war.

Verzweifelt suchten wir Unterstützung bei der Beratungsstelle Komm Mit für Migranten und Flüchtlinge e. V., die uns riet, die

Hilfe des IOM Deutschland in Anspruch zu nehmen. Dort wurde uns telefonisch Anfang Oktober 2019 vorgeschlagen, dass die Familie die Visa bei der Deutschen Botschaft in Amman in Jordanien beantragt, was auch gleich veranlasst wurde. Bis Mitte Oktober lagen dort schon alle Papiere vor, obwohl Watheq noch nicht wusste, wie er die erneuten Kosten, die auf mehr als 4.000 Euro geschätzt wurden, würde aufbringen können. Doch jetzt überschlugen sich die Ereignisse: Am 24. Oktober 2019 erhielt Noor, die zweite Ehefrau, einen Anruf aus Erbil, dass sie die Visa jetzt doch dort bekommen können. Am 26. Oktober 2019 sandten wir eine Mail an die Deutsche Botschaft mit der Bitte, die Visa ausnahmsweise direkt in Bagdad beantragen zu dürfen. Zum einen wegen der neuen hohen Kosten und zum anderen wegen der Schwerbehinderung der Tochter. Schon am 5. November 2019 erhielt die Familie zu ihrer Überraschung den Termin in der Deutschen Botschaft in Bagdad und war kurz darauf

im Besitz der gültigen Visa zur Einreise in Deutschland. Parallel zu all diesen Vorgängen suchten wir nach finanzieller Unterstützung für die Flugkosten. Hilfe gaben uns folgende Institutionen: die Migrationsberatung (MBE) im Beratungszentrum Steglitz-Zehlendorf des Caritasverbandes für das Erzbistum Berlin e. V. und die Beratungsstelle für Migration beim Diakonischen Werk (über den Flüchtlingsrat Berlin). Darüber hinaus erhielten wir einen großen Anteil durch die Sammlung bei guten Freundinnen und Freunden. Doch unsere Erleichterung hielt nicht lange an. Anfang Dezember bekam Watheq einen Brief vom Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten. Die „fristwahren-
de Anzeige“ vom 25. Januar 2018 zur Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft Watheqs sei um mehr als ein Jahr überschritten. Wir erhoben Einspruch mit der Beschreibung der zeitlichen Abläufe und der vielen Hindernisse. Die Behörde hätte die Familienzusammenführung jetzt noch

endgültig verwehren können, doch sie erkannte unsere Gründe an. So konnte die Familie am 5. März 2020 endlich die Flugreise von Bagdad nach Berlin antreten. Warum die behinderte Tochter Zainab nicht mitreisen konnte und welche Hürden noch zu nehmen waren, lesen Sie in der nächsten Ausgabe der kulturTÜR.

 

Ein Gastbeitrag von Heidi Kröger

 

WICHTIGE ADRESSEN:
KommMit für Migranten und Flüchtlinge e. V., Turmstraße 2, 10551 Berlin
Internationale Organisation für Migration Deutschland (IOM Deutschland), Charlottenstraße 68, 10117 Berlin

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