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Sudanesische Bräuche am Nil

Der Nil wird seit jeher von Dichtern besungen und lyrisch beschrieben. Zu diesen Dichtern zählt Al-Tijani Yusuf Bashir, der dem Nil ein wunderbares Gedicht widmete, das mit folgenden Worten beginnt:

„Oh, du Nil, du Abkömmling des Paradieses,

Wie anmutig und glücklich du doch fließt.“

 

Als längster Fluss der Welt ist der großartige Nil eine Hauptader sowohl für Kreuzfahrt- als auch für Frachtschiffe. Die Ufer dieses malerischen Flusses wiederum laden die Einheimischen dazu ein, dort ihre traditionellen Bräuche zu feiern. In diesem Artikel möchte ich Sie auf eine Kreuzfahrt durch diese Bräuche mitnehmen.

 

Bevor es aber losgeht, müssen wir wissen, wo überhaupt die Quellen des Nils liegen und wo er verläuft. Der Nil setzt sich aus zwei verschiedenen Quellflüssen zusammen: dem Blauen Nil, der im Tanasee seinen Ursprung findet, und dem Weißen Nil, der im Victoriasee in Kenia, Uganda und Tansania entspringt. Er durchquert auf seinem Weg vom Süden in den Norden rund zehn Länder, darunter den Sudan und Ägypten, und mündet schließlich ins Mittelmeer. 

 

Der Nil ist Trinkwasserquelle für Millionen von Menschen in diesen Ländern und verfügt über einen großen Fischreichtum. Er stellt die Existenzgrundlage für Millionen Menschen dar und dient als Bewässerungsquelle für landwirtschaftliche Flächen. Darüber hinaus war der Nil Jahrtausende lang Entstehungsort verschiedenster Zivilisationen. Um über den Nil in all seinen Facetten zu erzählen, bräuchte es eigentlich ein ganzes Buch, so ereignisreich sind seine Geschichten und so vielfältig die Kulturen und Völker, die an seinen Ufern lebten und leben. 

 

In welchem Zusammenhang steht nun das Nilufer mit den gesellschaftlichen Bräuchen der Sudanesen? Das möchte ich Ihnen anhand einiger Beispiele aufzeigen. Beginnen wir mit einem Brauch, der 40 Tage nach der Geburt eines Kindes von Bedeutung ist: Eltern, Nachbarn und Verwandte begeben sich gemeinsam mit dem Baby zum Nil, wo die Mutter sich ihr Gesicht und das ihres Kindes wäscht. Es stellt eine Art Reinigungsritual dar, steht für die Rückkehr ins gesellschaftliche Leben und soll durch das heilige Nilwasser Segen bringen. Dieser Brauch findet abends statt und wird von Süßigkeiten, traditionellen Tänzen der Frauen, Gesängen und Trillern begleitet. 

 

Auch nach einer Hochzeit finden sich Familie und Freunde gemeinsam mit dem Brautpaar an den Ufern des Nils ein, damit sich das frischvermählte Paar dort das Gesicht und die Hände wäscht. Beim darauffolgenden Fest für die Eheleute werden in temperamentvollen Liedern der Mut und die Kraft des Bräutigams und seine guten Eigenschaften besungen, und auch die Braut findet in diesen Liedern mit schönen Worten Erwähnung. Manchmal wird auch gemeinsam eine Nilkreuzfahrt gemacht. Jedenfalls aber wird am Nilufer mit traditionellen sudanesischen Gesängen, Tänzen, Speisen und Getränken gefeiert, in der Hoffnung und im Glauben, dass dies dem Brautpaar Glück und Segen bringt.

Die Ufer des Nils sind außerdem ein beliebter Rückzugsort für Verliebte. Denn abgesehen vom Rauschen des Wassers und der Bäume oder dem Vogelgesang herrscht dort absolute Ruhe – ein idealer Ort also für Liebespaare, ihre Gefühle füreinander sprechen zu lassen.

 

Einem anderen Brauch nach wird Schlamm vom Nilufer eingesetzt, um Hautkrankheiten zu behandeln. Darüber hinaus wird er von einigen Schwangeren während ihrer Heißhungerphase gegessen, weil er Salz und Vitamine enthält und das Kind stärken soll.

Nicht unerwähnt lassen möchte ich den Brauch, bei dem ältere Frauen auf dem Land einige Blätter in den Nil werfen – das soll helfen, sich (oder auch jemanden anderen) von Magie oder einem Fluch zu befreien.

 

Früher war es bei einigen Familien Brauch, dass man eine Frau, deren Mann verstorben war, eine gewisse Zeit nach seinem Tod zum Nil brachte. Bevor sie nicht beim Nil gewesen war, durfte sie keine anderen Männer treffen – man glaubte, sie würde auch ihnen den Tod bringen. Und falls ihr auf dem Weg zum Nil ein Mann begegnete, gab sie ihm mit den Händen zu verstehen, dass er fernbleiben sollte, damit die bösen Mächte nicht Besitz von ihm ergreifen und er sterben würde. 

 

Wie bereits zu Beginn angesprochen, war der Nil auch Inspirationsquelle für zahlreiche sudanesische Dichter. So zogen sich viele von ihnen an dessen Ufer zurück, um in aller Ruhe in die tiefste Gefühls- und Wortwelt einzutauchen und daraus die großartigsten Gedichte entstehen zu lassen. 

 

Sinn und Zweck all dieser Traditionen ist es, Familie, Freunde und Nachbarn in heiterer Atmosphäre zusammenzubringen, um sich auszutauschen und eine schöne Zeit miteinander zu verbringen. Sie stellen eine Form des gesellschaftlichen Zusammenhalts dar, man möchte mit ihnen die sozialen Bande pflegen. Die Sudanesen sind eben Menschen, die Anlässe gerne miteinander teilen – seien es freudige oder traurige, sie begegnen ihnen immer gemeinsam und geeint.

 

Ins Deutsche übertragen von Melanie Rebasso



Dieser Beitrag ist auch verfügbar auf: العربية (Arabisch)

Geschrieben von
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