Arabische Tradition versus europäisches Gesetz 

Fotos-Rouha Jabban

Von der schwierigen Akzeptanz gewaltfreier Erziehungsmethoden

 

Shaza Anjirini

Wer anderen gegenüber gewalttätig ist, war möglicherweise selbst einmal Opfer körperlicher, verbaler oder psychischer Gewalt. 

Häufig entsteht aus dieser Gewalterfahrung ein Minderwertigkeitsgefühl, das einige Menschen ebenfalls mit Gewaltausübung gegenüber jüngeren oder schwächeren Personen kompensieren wollen. Ein großer Teil der Kinder in der gesamten Welt ist bedauerlicherweise von Gewalt in unterschiedlichem Ausmaß betroffen.  Besonders aber findet sie in der arabischen Welt und in Entwicklungsländern als Erziehungsmittel in der Gesellschaft hohe Akzeptanz. 

Obwohl einige arabische Länder die UN-Kinderrechtskonvention von 1989* unterzeichnet haben, werden die Kinderrechte dort teils sogar von gesellschaftlichen Verantwortlichen wie Polizisten u. a. übergangen. Natürlich gibt es auch in diesen Ländern problembewusste Menschen, die wegen dieses Unrechts rechtliche Schritte unternehmen. 

Zu den vielfältigen Gründen der Gewaltanwendung in der Erziehung in arabischen Gesellschaften gehören die religiösen Gelehrten, die einen großen Anteil an der Verbreitung dieser Erziehungskultur haben. Denn der Gehorsam gegenüber den Eltern gilt als unumstößliche religiöse Pflicht, selbst wenn diese bedeutet, als Eltern gegenüber ihren Kindern wiederholt die Hand zu erheben. 

Ein weiterer Grund sind die vielfach fehlenden sozialen Einrichtungen, um ein größeres Bewusstsein für gewaltfreie Erziehung in genau jenem Teil der Gesellschaft zu schaffen, der Gewalt als natürliche und äußerst praktische Erziehungsmethode erachtet. Denn dort fehlt das Bewusstsein für die negativen Auswirkungen auf die Entwicklung eines Individuums.

Gewalt gegen ein Kind ist ein Verbrechen, das geahndet werden muss. Jedes Kind hat das Recht, in Frieden zu leben, ohne von irgendjemandem geschlagen oder auch nur verbal angegriffen zu werden. Weder Lehrern noch Eltern noch engen Familienmitgliedern ist es erlaubt, einem Kind aus vermeintlichen Erziehungsgründen Gewalt anzutun.

Die europäischen Gesetze verlangen von allen Einwanderern, die Kinderrechte gleichermaßen zu achten wie die Europäer. Einigen Mitgliedern der arabischen Community fällt dies allerdings schwer, stehen sie doch in einem inneren Konflikt: auf der einen Seite die Erfahrung damit, wie sie selbst erzogen wurden, auf der anderen die neue Erziehungskultur des Landes, in dem sie nun leben. Nicht jeder von ihnen schafft es so einfach, die gewaltlose Form der Erziehung zu akzeptieren.

Männer und Frauen haben in Europa die gleichen Rechte und Pflichten. Diese Rechte entsprechen übrigens auch jenen im Islam. Allerdings wird diese Wahrheit vom Großteil der religiösen Gelehrten verschwiegen – darum fällt es einigen Einwanderern auch so schwer, sich hier an derartige Rechte zu halten. Sie wurden in der Tradition erzogen, dass zuerst der Mann kommt und Frau und Kind seiner Autorität unterliegen. Letzteres steht bei vielen Einwanderern außer Frage. Sie sind der Meinung, dass es dem Mann zustehe, gegenüber seinen Kindern, seiner Frau und seiner Schwester Gewalt anzuwenden, wenn diese seine Anweisungen nicht befolgen, sie sich also – ihrer Ansicht nach – nicht an den religiös verpflichtenden Gehorsam halten. Männer bekommen umso mehr Respekt von der arabischen Gesellschaft, je entschlossener sie ihre Autorität gegenüber ihrer Familie durchsetzen.

Menschen, die mit solchen Denkmustern nach Europa gekommen sind, stecken in dem Dilemma, gleiche Rechte für Frau und Kinder akzeptieren zu müssen.  Und wenn einer von ihnen diese Tatsache doch anerkennt, er sich von dieser patriarchalen arabischen Denkweise zu befreien beginnt, die Rechte von Frauen und Kindern achtet, sie sanftmütig und nachgiebig behandelt, wird er von all denjenigen, die an dieser mit der Religion gerechtfertigten Ideologie weiterhin festhalten, schikaniert, verhöhnt und mit abwertenden Bezeichnungen in ihrem Ansehen geschmäht. Ebenso ergeht es jenen Frauen, die den Mut und die Stärke haben, gegen dieses Unrecht aufzubegehren: Sie werden Schikanen und Diffamierungen ausgesetzt und der Abtrünnigkeit beschuldigt. Und ein Kind, das sein Recht sehr wohl kennt und sich weigert, allem blind zu folgen, gilt bei denjenigen, die sich gegen eine Veränderung der Erziehungskultur sträuben, als unhöflich und ungezogen.

Die Spirale der Gewalt ist groß und zieht immer weitere Kreise. Gelingt es einem nicht, aus ihr herauszukommen, wird man über kurz oder lang vor einem sehr komplexen Problem stehen. Es liegt in unserer Hand, dieses Gefängnis der tradierten Denkmuster zu verlassen und uns gegen die Kontrolle der arabischen Landsleute zu wehren, die hier in Europa sogar in einem stärkeren Ausmaß betrieben wird als in den arabischen Ländern. Es geht um unsere Identität und unsere Religion – es wäre eine Schande, wenn wir diese Identität aufgeben müssten. Wenn wir mit Sanftmut und Vertrauen unseren Kindern begegnen und sie mit all ihren Stärken und Schwächen akzeptieren, können sie ihren Eltern auch mit Liebe begegnen. Denn wie können soziale Beziehungen fruchtbar sein, wenn dabei Gewalt gesät wird?

 

Ein Gastbeitrag von Shaza Anjirini

 

* https://www.unicef.de/informieren/ueber-uns/fuer-kinderrechte/un-kinderrechtskonvention

Dieser Beitrag ist auch verfügbar auf: العربية (Arabisch)

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