Aliaa Abou Khaddour

 

Seit zehn Jahren eine enge Verbindung zu Kassel und zur documenta

Die syrische Künstlerin Aliaa Abou Khaddour im Gespräch 

Aliaa Abou Khaddour studierte Kunst an der Universität Damaskus in Syrien, wo sie auch als Dozentin für Kunstgeschichte und Innenarchitektur tätig war. Seit 2005 lebt und arbeitet sie in Deutschland, war Doktorandin an der Ossietzky Universität in Oldenburg und lebt seit 2012 in Kassel. Dort war sie mehrfach mit unterschiedlichen Projekten an der GRIMMWELT, dem Museum zum Wirken und zum Leben der Brüder Grimm, beteiligt. Ihre Arbeiten wurden in verschiedenen nationalen und internationalen kulturellen Kontexten wie in Kunstausstellungen, Museen und NGOs sowie in Editorials von Publikationen veröffentlicht. 

Aliaa Abou Khaddour ist in den Entstehungsprozessen verschiedener musealer und künstlerischer Projekte und öffentlicher, auch interkultureller und generationenübergreifender Vermittlungsangebote involviert. Schon bei ihrer Tätigkeit für die documenta 14 im Jahre 2017 und jetzt fünf Jahre später für die documenta 15 hat sie diese Erfahrungen einbringen und vertiefen können. Recherchearbeit und der Dialog mit Menschen im Kontext zeitgenössischer Kunst gehören somit zu ihrem künstlerischen Alltag.

Boshra Mustafa hat für die kulturTÜR mit Aliaa Abou Khaddour auf der documenta 15 gesprochen.

Foto : Anas Akkad

Frau Khaddour, Sie leben in Kassel: Welche Verbindung sehen Sie zwischen Kassel und der documenta?

Kassel ist die Märchenstadt, in der die Brüder Grimm gelebt und die weltbekannten Märchen gesammelt und aufgeschrieben haben. Kassels Wälder, Burgen und Schlösser sind mit den Kulissen von Dornröschen, Schneewittchen und den sieben Zwergen, Rotkäppchen und Aschenputtel usw. verbunden. Jedoch wird Kassel, dank documenta, alle fünf Jahre zu einem Mekka der zeitgenössischen Kunstwelt. Für mich sind Kassel und documenta zu einem Begriff geworden. Denn das eine ist ohne das andere unvorstellbar.

Foto: Doris Schaeffer

Welche Bedeutung hat die documenta als Kunst- und Kulturveranstaltung in Kassel auf deutscher und europäischer Ebene?

1955 hatte Arnold Bode, Künstler und Akademiker, die documenta in Eigeninitiative gegründet. Sein Ziel war, Deutschland, das damals noch in den Trümmern des Zweiten Weltkriegs lag, in einen Dialog mit der Welt zu bringen und damit eine Rehabilitierung der vom NS-Regime verfemten modernen Kunst des frühen 20. Jahrhunderts zu erreichen. Dazu gehörten Arbeiten genialer Künstler wie Pablo Picasso, Max Ernst, Hans Arp, Henri Matisse, Wassily Kandinsky und Henry Moore. Heute ist die documenta die wohl meist diskutierte und bedeutendste Kunstschau weltweit. Aus meiner Sicht unterscheidet sich die documenta 15 gänzlich von ihren 14 Vorgänger-Ausstellungen. 

Zum ersten Mal kuratiert ein Künstler*innenkollektiv, ruangrupa aus Jakarta, Indonesien, die Ausstellung und keine Einzelperson. Hierbei liegt der Fokus bewusst auf dem “globalen Süden” und verabschiedet sich von eurozentrischen, westlichen Perspektiven. Es geht um Themen wie Kolonialismus, Postkolonialismus, Rassismus, Klima und Nachhaltigkeit. Statt auf große Namen und Star-Künstler*innen wird auf kreative Gruppenbildung und internationale Kollektive gesetzt. Die documenta ist nicht statisch, die Beiträge der Künstler*innen sollen sich verändern. Die Künstler*innen sind vor Ort und interagieren mit den Besuchern in Workshops, Gesprächen und Performances.

 

Ali Kaaf & Khaled Mzher Those swept away by the waters/rose up as clouds  ً 2022 Foto: Reimund Lill

Vor welchen Herausforderungen stehen Sie als Künstlerin mit syrischem Migrationshintergrund auf der documenta?

Die Schwierigkeiten haben nicht direkt mit der documenta zu tun. Hier bin ich wegen meiner interkulturellen Identität und Erfahrung sehr gefragt. In Deutschland werde ich manchmal persönlich oder beruflich wegen meiner Herkunft in bestimmte Schubladen gesteckt. Es gibt bewusst oder unbewusst Momente von Exklusivität in bestimmten Zusammenhängen. Alltägliche „Mikroaggressionen“ und Kommentare mit Vorurteilen häufen sich auf die Dauer.

Wie war die Beteiligung syrischer Künstler*innen auf der documenta?

Eine so große syrische Teilnahme habe ich noch nie erlebt. Ich nenne beispielsweise: Ali Kaaf, Anwar Al Atrash und Fadi Aljabour aus Foundation Class Collective der Kunsthochschule Berlin mit ihren starken Installationen, Skulpturen und Performances. Aber auch Sami Rustom und Kenan Darwich von Fehras Publishing Practices aus Berlin und Muhannad Al Ulaby aus Trampoline House Collective aus Dänemark mit ihren vielseitigen Arbeiten. Des weiteren nehmen auf dieser documenta auch Künstler*innen aus dem Irak, dem Libanon, aus Palästina, dem Sudan, Tunesien, Algerien und Marokko teil.

Anwar Al Atrash Red Carpet, 2018-2022 Installation: Red carpet, 12 paintings: Acrylic and digital prints, and 8min sound. Dimension: Variable, Paintings: 320 X 70 cm. Foto: Reimund Lill

Was sind Ihre nächsten Aktivitäten? 

Ich arbeite an einem eigenen Projekt, in dem ich versuche, die Zweidimensionalität der Malerei in das Format der Installation zu transportieren. Außerdem arbeite ich an meinen Aufträgen zu Illustrationen und für Editorials und wirke an der documenta Publikation mit.

Aliaa Abou Khaddour, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.

Foto: Anas Akkad

https://www.instagram.com/aliaa_aboukhaddour/

https://www.behance.net/aliaaaboukh

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